JEDEM SEINE EIGENE WILDNIS
Reinhardt Stumm
Boulevard ist ja die Entdeckung der Saison oder, um die Modesprache auch ganz zu brauchen, dernier cri. Also schreien wir. Wir wollen es flockig und heiter, und die Zweckbehauptung, dafl sich die Wirklichkeit im Komischen weitaus genauer abbilde (da diese Wirklichkeit ja letzten Endes auch bestenfalls komisch ist) als im tiefsinnigen [...]
Boulevard ist ja die Entdeckung der Saison oder, um die Modesprache auch ganz zu brauchen, dernier cri. Also schreien wir. Wir wollen es flockig und heiter, und die Zweckbehauptung, dafl sich die Wirklichkeit im Komischen weitaus genauer abbilde (da diese Wirklichkeit ja letzten Endes auch bestenfalls komisch ist) als im tiefsinnigen Ernst, schlägt die Bresche für Ayckbourn und Konsorten. Auf der Bühne wird’s dann aber doch manchmal ein biflchen peinlich, weil boshafte Dramaturgen natürlich auch das im Text stehen lassen, was wir so gern nun auch wieder nicht mehr hören, weil wir glaubten, über diese Plattheiten hinaus zu sein.
Das man indessen die vorbereiteten Muster der Boulevardkomödie schlau benutzt, um in sie das hineinzugiessen, was zu fester Form erstarrt verdammt genau an das erinnert, womit wir uns unablässig herumprügeln, das ist nicht nur schlau, das lässt sich auch als durchaus sinnvoll erkennen. “Jedem seine eigene Wildnis” von Doris Lessing ist genau so ein Stück. Es kommt leichtfüssig daher, ist schmerzlich komisch, man lacht also mit diesem leicht verzerrten Gesicht, das andeutet: Man lacht widerwillig auch über den Esel in sich selber, den man ja nicht so besonders liebt. Und man ist, jenseits davon, wieder mal frappiert, wie das möglich ist: Ein Stück, 1957 geschrieben, eine “Nonentity” (wie die etwas abgebrauchte “Petitesse” auf englisch heiflt), wird dreiflig Jahre später auf eine Weise gegenwartsnah, dafl einem die Haare zu Berge stehen. Wenn wir uns am Ende fragen, ob wir wirklich so blöd sind, ja, ja, wir sind es, in der Tat.
Fred Berndt hat mit seinem kleinen Ensemble im Schloflpark-Theater eine Inszenierung erarbeitet, die nicht mit irgendeinem Konzept prahlt, die nicht mit einem genialen Einfall das Stück exekutiert. Was wir sehen, ist schlicht und einfach genaue, präzise Theaterarbeit, die ihre Qualität in zahllosen Details erweist. Der Text ist nahtlos und dicht, die Inszenierung folgt ihm genau beobachtend. Berndt hat das Glück, mit einer überzeugenden Gruppe von Schauspielern arbeiten zu können und mit Tatja Seibt eine Hauptdarstellerin zu finden, die das gefährliche Wechselspiel zwischen Mutter und Liebhaberin, unverbesserlichem politischen Grünschnabel und erfahrener Agitatorin hinreiflend meistert. Wenn schon Boulevard, dann so: Ein altes trojanisches Pferd, das heute zum Schmuggeln benutzt wird. Die Konterbande, die es mitbringt, ist die gleiche, die wir aus den Büchern der Lessing kennen: Es sind die Berichte vom Kampf der Frauen um Freiheit, um die Anerkennung ihres Rechts auf Selbständigkeit, um ihre Beteiligung an Männergeschäften wie Staat und Politik.
(Each His Own Wilderness)
von Doris Lessing
Einladung zum Theatertreffen Berlin
R/B. Fred Berndt
K. Annette Schaad
mit:
Myra Bolton: Tatja Seibt
Tony Bolton: Joseph Lorenz
Milly Boles: Uta Hallant
Sandy Boles: Wolfram Koch
Mike Ferris: Helmut Wildt
Philip Durrant: Max Volkert Martens
Rosemary: Christiane Leuchtmann